Aufwachen_Kopf

36 Erziehungswissenschaftler wenden sich in einer Erklärung gegen Ministerin Wankas „Digitale Bildung“. Wanka öffnet die Schule als profitablen Absatzmarkt für TabletPCs und WLAN mit einem Umsatz von über 100 Milliarden Euro in den nächsten Jahren. Die Konzepte für die „Digitale Bildung“ werden in den Think Tanks von Bertelsmann und Telekom verfasst, Erkenntnisse der Pädagogik werden ignoriert (Was ist „Digitale Bildung“? s. Text unten). Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Industrie die Erziehung unserer Kinder ihren Interessen unterordnet.

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Erziehungswissenschaftler kritisieren BM Wankas Digitalpakt als „Trojaner aus Berlin“

Am Schluss der Erklärung vom 3.11.2016 heißt es:  „Der „Digitalpakt#D“ ist Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten, digital gesteuerten „Lernfabrik 4.0“. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel. Diese Konzepte kommen nicht aus der Pädagogik, sondern aus der Kybernetik und dem Behaviorismus … „Internetkonzerne und Geheimdienste wollen den determinierten Menschen.“ schrieb EU-Präsident Martin Schulz schon 2014.“ Wenn wir weiter frei sein wollen, müssen wir uns wehren und unsere Politik ändern.“ Das gilt besonders für die Bildungspolitik, die sich von der Fixierung auf Digitaltechnik lösen und sich wieder den Menschen und ihren Lern- und Bildungsprozessen zuwenden muss, damit auch die kommenden Generationen eine humane und demokratische Zukunft haben.“

Mit der „Digitalen Bildung“ und der Anschubfinanzierung von 5 Milliarden Euro für TabletPCs und WLAN an Schulen wird kein pädagogisches, sondern ein Vermarktungskonzept der IT-Branche verwirklicht. Mit den 5 Milliarden Euro öffnet  Wanka einen Markt, der im Vollausbau ein Volumen von weit über 100 Milliarden Euro haben wird. Analoge und digitale Medien, so die Wissenschaftler, seien selbstverständliche Hilfsmittel, die Lehrer schon immer selbstbestimmt im Unterricht einsetzen. BM Wanka stellt aber die Weichen in eine antihumanistische Richtung. Es geht nicht um das Lernen mit Hilfe von Medien, bei der „Digitalen Bildung“ geht es um die Übernahme der Erziehung selbst durch autonom agierende digitale Medien bereits ab den KiTas.

So wie bei der Industrie 4.0 Maschinen die Produk­tion selbständig steuern sollen, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungs­ge­sche­hen autonom steuern. Die Schüler sitzen verein­zelt am TabletPC, werden über­wacht und gesteuert von Algorith­men. Ein sprechender Computer gibt Aufgaben und Übungen vor. Es werden vorprogrammierte Eigen­schaften antrai­niert, die industriellen Verwer­tungs- und Konsuminteressen nützen. Kreativität und Querdenken entfällt. Software-Optionen geben einprogrammierte Kompe­tenzen vor. Man lehrt nicht mehr Haltung, sondern verwertbares Verhalten, das ist der Kern der Kompetenzorien­tierung. Digitaler Unterricht bedeutet einen Schritt in Richtung „Schule ohne Lehrer“. Lehrer werden zu Lernbegleitern degradiert.

Das, was die IT- Industrie als Zukunft des Lernens propagiert, sind im Kern totalitäre Systeme zur psychischen und psycholo­gischen Manipula­tion und lebenslangen Steuerung von Menschen. Diese Lernkonzepte entspringen neoliberalen und behavioristischen Manipulationskonzepten, und so wundert es nicht, dass die Mehrzahl Arbeitskreise beim Wankas IT – Gipfel im November in Saarbrücken von Vertretern der Industrie geleitet werden. Man hat  es nicht mehr nur mit „gekaufter Wissenschaft“ zu tun, sondern die Erkenntnisse der pädagogischen Wissenschaften und der Lernpsychologie werden einfach ignoriert. Statt Fachleute aus den pädagogischen Wissenschaften übernimmt jetzt die Industrie eins zu eins die Planung der Erziehung.

Wer heute verantwortungsvoll das Erziehungssystem sanieren und ausbauen will, muss deshalb angesichts des besorgniserregenden Leistungsabfalls bei den Basiskompetenzen Rechnen, Schreiben, Lesen und dem Verlust von Sozialkompetenzen wie Empathie, sprachliches Ausdrucksvermögen und vernetztes Denken vor allem in mehr Lehrer, Schulpsychologen – und Sozialarbeiter, Förderpersonal, intakte Schulgebäude, mehr Sport, Theater- und KunstAGs investieren. In ihrer Erklärung stellen die Wissenschaftler 7 Forderungen für die Weiterentwicklung der Bildungspolitik auf.

Analysen zu den Hintergründen der „Digitalen Bildung“:

Peter Hensinger: Aufwachsen und Leben in der „digitalen Welt“.  Freiheit oder smarte Diktatur? Vortrag vom 06.11.2016, Kulturzentrum Dieselstraße Esslingen

Hensinger_Esslingen_Dieselstraße_061116

Enquete-Kommission im Hessischen Landtag: „Kein Kind zurücklassen – Rahmen­bedingungen, Chancen und Zukunft schulischer Bildung in Hessen“, 14. Oktober 2016, Expertenvorträge zum Download:

Burchardt_Hessischer_Landtag_2016

Lankau_Hessischer_Landtag_Stellungn_2016

Spitzer_Hessischer_Landtag_2016

 

Digitale Bildung – was sie nicht ist, was sie ist

Was sie nicht ist: Es geht bei der sogenannten digitalen Bildungsreform nicht darum, digitale Medien und Program­me als Hilfsmittel einzusetzen, z.B. Word, Power Point oder Excel zu lernen, Auswertungen von Versuchen mit Programmen vorzunehmen, statistische Berechnungen durchzuführen oder zu lernen, Filme zu drehen und zu schneiden. Das gehört heute zu Grundfertig­keiten, die man ab der Oberstufe lernen sollte.

Was sie ist: Es geht um eine Neuausrichtung des Erziehungswesens, nämlich die Übernahme der Erziehung selbst durch autonom agierende digitale Medien bereits ab den KiTas. So wie bei der Industrie 4.0 Maschinen die Produk­tion selbständig steuern sollen, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungs­ge­sche­hen autonom steuern. Digitale Bildung strebt die Anwendung neuer Herrschaftstechniken an: die Steuerung der Gesell­schaft durch künstliche Intelligenz, d.h.:

  •  Die Schüler sitzen verein­zelt am TabletPC, werden über­wacht und gesteuert von Algorith­men. Ein sprechender Computer gibt Aufgaben und Übungen vor. Es werden vorprogrammierte Eigen­schaften antrai­niert, die industriellen Verwer­tungs- und Konsuminteressen nützen.
  •  Digitaler Unterricht bedeutet einen Schritt in Richtung „Schule ohne Lehrer“. Lehrer werden durch autonome Digitaltechnik ersetzt und zu Lernbegleitern degradiert, während Schülerinnen und Schüler isoliert an Lernstationen sitzen und ausführen, was ihnen ein Computer mit Sprachsystem vorgibt.
  •  Kreativität und Querdenken entfällt. Software-Optionen geben einprogrammierte Kompe­tenzen vor. Man lehrt nicht mehr Haltung, sondern verwertbares Verhalten, das ist der Kern der Kompetenzorien­tierung.

Welche Entwicklung mit dieser Digitalisierung der Bildung eingeleitet werden soll, verrät Professor Breit­haupt in der ZEIT: „2036 werden Eltern schon für ihre fünf Jahre alten Kinder einen virtuellen Lehrer abonnieren. Die Stimme des Computers wird uns durchs Leben begleiten. Vom Kindergarten über Schule und Universität bis zur beruflichen Weiterbildung. Der Computer erkennt, was ein Schüler schon kann, wo er Nachholbedarf hat, wie er zum Lernen gekitzelt wird. Wir werden uns als lernende Menschen neu erfinden. Dabei wird der zu bewältigende Stoff vollkommen auf den Einzelnen zugeschnitten sein“ (BREITHAUPT 2016).

Professor Lankau (FH Offenburg) entgegnet dem Apologeten der „Digitalen Bildung“, Pädagogen Breithaupt: „Das, was Breithaupt als Zukunft des Lernens propagiert, sind im Kern totalitäre Systeme zur psychischen und psycholo­gischen Manipula­tion und lebenslangen Steuerung von Menschen. Beschrieben wird das systematische Heran­zie­hen von Sozial-Autisten, die auf eine Computerstimme hören und tun, was die Maschine sagt“ (LANKAU 2016:4).

Digitale Bildung“ – eine Schimäre

 Es gibt keine „Digitale Bildung“. Bildung hat eine soziale und geistige Komponente. Sie findet ihren Niederschlag in der Entwicklung des Gehirns, des Denkens und Sozialverhaltens, und dort gibt es nichts Digitales. Der Begriff „Digitale Bildung“ ist verräterisch. Er drückt eine mechanistische Vorstellung von der vermeintlichen Programmierbarkeit auch des Menschen aus, hinter der sich der Behaviorismus versteckt, die Psychologie von der Konditionierung des Menschen unter Ausschal­tung des Denkens. Descartes „Ich denke, also bin ich“ mutiert zu: „Meine Daten definieren, wer ich bin“. Das Daten-Ich wird zum Avatar, zum lebenslangen Über-Ich. Das renommierte Schweizer Think-Tank Gottlieb-Dutt­­weiler Institut sieht die Entwicklung so: „Algorithmen nehmen uns immer öfter das Suchen, Denken und Entsche­iden ab. Sie analysieren die Datenspuren, die wir erzeugen, entschlüsseln Verhaltens­muster, messen Stimmungen und leiten daraus ab, was gut für uns ist und was nicht. Algorithmen werden eine Art digitaler Schutzengel, der uns durch den Alltag leitet und aufpasst, dass wir nicht vom guten Weg abkommen“ (GDI,S.38). Wieder haben wir Begriffe aus dem Religiösen: „Digitale Schutzengel“ zeigen den „guten Weg“. Hinter „Digitaler Bildung“ steht der Wunsch der Herrschenden nach Beherrschung der Bürger.

Die Ersetzung zwischenmenschlicher Beziehungen durch Smart­­­­­­phones, TabletPCs und Algorith­mus-gesteuer­ter Lern­pro­gramme verhindert Bildung, ist letztlich Dressur. Richtig müsste es für die Schule heute heißen: Lernen mit Hilfe von analogen und digitalen Medien. Das ist zweckmäßig, aber das ist eben nicht Bildung.

Auszug aus der Analyse: „Aufwachsen und Leben in der „digitalen Welt““ von Peter Hensinger : Hensinger_Esslingen_Dieselstraße_061116