Die Stuttgarter Zeitungen berichteten ausführlich über die Pläne der Landesregierung und der Stadt Stuttgart, mit insgesamt 1,8 Milliarden Euro Schulen mit Tablets und WLAN auszustatten. Mitglieder unserer Bürgerinitiative schrieben daraufhin an die Stuttgarter Zeitung Leserbriefe, die nicht veröffentlicht wurden. Lediglich die Stuttgarter Nachrichten veröffentlichen eine stark gekürzte Fassung des Leserbriefes von Peter Hensinger.

Leserbrief Eins: 

zum Artikel: „Vernetzte Klassenzimmer in weiter Ferne“ und den Kommentar „Mehr Tempo bitte!“ , Dienstag 10.10.17 Stuttgarter Zeitung, S.17

Was ist dann ein Klassenzimmer?

Bei dem lauten Rufen nach einer voll vernetzten und mit Tablets ausgestatten Schule frage ich mich, als betroffene Mutter, was der Mehrwert davon eigentlich sein soll? Tablets bedienen – können die Kinder sicher genauso gut wie die Lehrer. Was ist also der pädagogische Nutzen? Was lernen die Kinder besser an einem Tablet?

In der Wirtschaft sind wir schon längst beim „e-learning“ und machen „Webinars“. Es kann immer überprüft werden, wer wie schnell lernt und wie gut. Der Lerninhalt wird stark selektiert und eingeschränkt, wichtige Diskussionen finden nicht mehr statt. An amerikanischen Universitäten finden für weniger reiche Studenten sogenannte MOOC statt (Massive Open Online Course). Nur wer richtig  viel bezahlen kann, sieht noch einen echten Professor und wird zur Elite ausgebildet.  Wer hat den Nutzen von flächendeckend voll ausgestatteten Schulen? Ein Tablethersteller spendiert an unserer Schule die ersten 16 Tablets – einfach so. Ein Schelm wer böses dabei denkt? Mitnichten! Da hat eine ganze Branche sich einen neuen Markt erschaffen.

Und ein Schmankerl zum Schluß: Die Telekom warnt in ihren Handbüchern vor W-LAN! Der Grund dafür sind die gesundheitlichen Risiken. Die Router dürfen daher nicht in Kinderzimmern und Aufenthaltsräumen aufgestellt werden.

Was ist dann ein Klassenzimmer?

In der Schule konnte ich auf meine Fragen nach dem pädagogischen Konzept übrigens keine Antworten bekommen!

Ulrike Steinmayer

Leserbrief 2

zum Interview mit Ministerin Eisenmann „Die Ergebnisse sind alarmierend“ in der StZ vom 14.10.2017

Grundschulmisere: Eine wesentliche Ursache wird ignoriert

Frau Dr. Eisenmann ist alarmiert über den Leistungsabfall der Grundschüler beim Schreiben, Lesen und Rechnen. Sie rätselt über die Ursachen. Sicher gibt es nicht nur eine. Aber eine wesentliche will man nicht wahrhaben: die Digitalisierung.  Sowohl die  BLIKK – Studie der Bundesregierung als auch aktuelle Studien der Krankenkassen AOK, DAK und Barmer führen Sprachentwick­lungs- und Kon­zen­trationsstörungen, körperliche Hyperaktivität, innere Unruhe, das Ansteigen von Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Burn-Out bei Kindern und Jugendlichen auf die extensive Nutzung von Smartphones und Tablet PCs  zurück. Das Suchtpotential, u.a. ausgelöst durch die permanente Reizüberflutung und Multitasking,  ist nachgewiesen, ebenso das Antrainieren von Aufmerksamkeits­störungen. Die durchschnittliche Nutzung von Bildschirmmedien liegt nach neuen Studien bei 10 Stunden täglich. Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten haben die meisten Geräte und die höchsten Nutzungszeiten.

Immer online-Sein führt zu Dauerstress.  Viele Eltern hängen selbst immer am Gerät und stellen ihre Kinder mit dem Tablet ruhig. Nur noch 25 % der Eltern  lesen ihren Kindern Geschichten vor, eine Folge: der Anteil der Nichtleser unter Kindern steigt rapide an. Die Hemmung der Sprachentwicklung korreliert mit der zeitlichen Nutzung digitaler Medien, ebenso wie die Abnahme der Fähigkeit zur Empathie.  Diese Studienlage  wird von der Kultusministerkonfe­renz konsequent ignoriert. Stattdessen werden Digitalgipfel mit der IT-Industrie inszeniert und Milliarden für die Anschaffung der Geräte bereitgestellt. Die Digitalisierung der Schulen wird den Lernerfolg erst recht gefährden. Man folgt Lindners Slogan: Digital First. Bedenken Second.

Die Misere könnte behoben werden. Statt Milliarden für technische Geräte für den Profit der IT-Industrie zu verschleudern, braucht es vor allem mehr und gut ausgebildete LehrerInnen, mehr Zeit für die Übung der Basiskompetenzen, Schulsozial­arbeiter und Psychologen, mehr Schullandheim – Aufenthalte und Naturerfahrungen, kleinere Klassen, mehr Zeit und Geld für Musik-, Theater – und Kunst – AGs, für Projekttage, für sanierte Schulen. Und nicht zuletzt braucht es Kon­zepte für eine Erziehung zur Medien­­mündigkeit.

Doris Hensinger, Gymnasiallehrerin im Ruhestand, Bezirksbeirätin

 Leserbrief 3

 zu den Artikeln „Vernetzte Klassenzimmer in weiter Ferne“ und „Mehr Tempo, bitte“ in der StZ vom 9. Oktober 2017

 Milliardengrab „Digitale Bildung“

Mehr Tempo bei der Digitalisierung der Schulen verlangt die Stuttgarter Zeitung. Löst das Probleme? Bereitet das die Schüler auf die Zukunft vor? Aktuelle Studien der Bundesregierung ergaben, dass bei 50 (!) Prozent der Grundschüler eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung diagno­stiziert wird; die Folge der Nutzung digitaler Medien sind Sprachentwick­lungs- und Kon­zen­trationsstörungen, körperliche Hyperaktivität, innere Unruhe bis hin zu aggres­sivem Verhal­ten (BLIKK-Studie 2017, DAK Studie 2016). Der Lehrermangel ist nicht beseitigt, Unterrichts­ausfälle sind alltäglich. Nun soll dies digitale Technik richten? Seit wann denkt man eine Schulreform von der Technik her?

Die Hauptinitiative der Digitalisierung der Schulen kommt von der IT-Branche. Die Berater von Frau Wankas  Digitalpakt – Schule sind Akteure der IT-Wirtschaft. Nicht vertreten sind Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissen­schaftler, die sich mit den Folgen der Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Jedem Schüler einen Tablet-PC, das verspricht ein Milliardengeschäft. 1, 8 Milliarden will das Land Baden-Württemberg für die ersten zwei Jahre ausgeben, dann sind Geräte und Software veraltet. 100 Millionen plant die Stadt Stuttgart. Garantiert ist so der Profit für die Anbieter. Alle (!) Evaluationsstudien, auch die der OECD, zeigen, dass digitale Medien nicht zu besserem Lernen führen, im Gegenteil. Fazit des OECD – Berichts: „Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt“, so Pisa Chef Andreas Schleicher.  Deshalb entfernen Länder wie Australien oder Thailand bereits wieder die Laptops aus dem Unterricht.  Unbeeindruckt davon folgt die gesamte herrschende Politik der FDP Leitlinie „Digital first. Bedenken second.“, übersetzt „Profit First. Denken second.“

Der Lernerfolg hängt primär von der Intensität ab, mit der sich Schüler mit Inhalten auseinandersetzen. Und ihre Vermittlung braucht gute Lehrer. Die Inhalte, und überhaupt Bildung,  sind und bleiben aber analog. Digitale Medien können Hilfsmittel sein. Offensichtlich geht es nicht um eine gute Lehrerversorgung und die Vermittlung von Bildung. So wie bei der Industrie 4.0 Roboter die Produktion selbständig steuern, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungs­ge­sche­hen in Zukunft autonom steuern. Überwachung und Big Data sind das Kernelement der digitalen Bildung. In der Lernfabrik 4.0. werden Smartphones und  TabletPCs das Schulbuch  ersetzen. Damit erhält jeder Schüler eine Superwanze. Die Schüler sitzen vereinzelt am Tablet-PC, werden überwacht und gesteuert von Algorithmen. Ein sprechender Computer gibt Aufgaben und Übungen vor. Lehrer werden durch autonome Digitaltechnik ersetzt oder zu Lernbegleitern degradiert. Kreativität und Querdenken entfällt. Die Software-Optionen, ausgearbeitet bei Google und Co., geben einprogrammierte Kompetenzen vor. Gehorsame Anwender lernen nicht mehr Haltung, sondern verwertbares Verhalten. Diese Googlification der Schulen wird derzeit eingeleitet, Big Brother is teaching you!

Verantwortungslos ist auch der Ruf  nach WLAN für jedes Klassenzimmer. Im Router-Handbuch der Telekom wird gewarnt, WLAN nicht  „in unmittel­barer Nähe zu Schlaf-, Kinder- und Aufenthalts­räume aufzustellen, um die Belastung durch elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten“. Die Telekom – Juristen wissen um die hohe Gesundheitsschädlichkeit der WLAN-Strahlung.  Im Digitalisierungshype wird auch diese Gefahr verdrängt.

Statt pädagogische Programme für eine Erziehung zur Medienmündigkeit zu entwickeln, und das braucht als Grundlage eine gute Bildung, werden die Schulen für einen Überwachungs, – Werbe- und vor allem milliardenschweren Absatzmarkt für die IT-Branche geöffnet. Wie der programmierte Unterricht der 70er, das Sprachlabor der 80er Jahre, wird die  „Digitale Bildung“ scheitern, zu Lasten der Kinder, gestresster LehrerInnen, und auf Kosten der Steuerzahler.

Peter Hensinger