„Erziehungskunst“, die Zeitschrift der Waldorfpädagogik,  veröffentlicht in der Ausgabe Juni 2018 einen Artikel von Peter Hensinger. Er behandelt die Frage, warum trotz bekannter negativer Auswirkungen der „Digitalen Bildung“ eine große Akzeptanz vorherrscht? Mit welcher falschen Ideologie wird diese erreicht?

https://www.erziehungskunst.de/artikel/zeichen-der-zeit/bildung-vor-dem-absturz-ins-digi-tal/

In dem Artikel heißt es u.a.:

„Mit der »Digitalen Bildung« steht die Eroberung der Schulen durch digitale Medien bevor. Wer bei der Analyse und Bewertung der Pläne zur Digitalisierung nur fragt: »Nützen digitale Medien im Unterricht?«, verengt den Blick, reduziert ihn auf Methodik und Didaktik und verschließt ihn vor dem Gesamtzusammenhang.

Die digitalen Medien sind mehr als nur Unterrichts-Hilfsmittel. Die IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter schreibt: »Mit der Digitalisierung verwandeln wir unser Leben, privat wie beruflich, in einen Riesencomputer. Alles wird gemessen, gespeichert, analysiert und prognostiziert, um es anschließend zu steuern und zu optimieren«. Grundlage dafür ist das Data-Mining – das Sammeln von Daten – für BigData-Analysen. Die Haupt-Schürfwerkzeuge dazu sind das Smartphone, Tablet und das WLAN-Netz.

Welche Mechanismen führen zu der großen Akzeptanz der digitalen Superwanzen, und vor allem dazu, dass schon die Kinder ihnen ausgeliefert werden, obwohl das Schädigungspotenzial inzwischen amtlich bestätigt ist?

Die deutsche Bundesregierung ließ die Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien auf Kinder in der BLIKK-Studie untersuchen, mit dem Ergebnis: »Die Folge sind Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen, körperliche Hyperaktivität, innere Unruhe bis hin zu aggressivem Verhalten« (ZDF Text, 29.05.2017). Und das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellte im vergangenen Jahr fest: »Bei etwa der Hälfte der (Grundschul-)Kinder sind die Lernschwierigkeiten so erheblich, dass bei ihnen eine schulische Entwicklungsstörung (Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung) diagnostiziert wird.« Die IGLU-Studie zur Lesekompetenz bestätigt: 25 Prozent der deutschen Viertklässler können nicht lesen. Sie weist auf einen ursächlichen Zusammenhang hin: »Das Leseverhalten der Schülerinnen und Schüler ist auch im Kontext eines sich insgesamt ändernden Medienverhaltens von Kindern zu betrachten.« Aktuellen Befunden der KIM-Studie 2016 (Kinder, Internet, Medien) zufolge steht Lesen erst weit hinten auf der Liste der Aktivitäten, die von Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren jeden oder fast jeden Tag ausgeübt werden.

Wir haben es heute mit Schülern zu tun, deren Prägung schon als Kleinkind auf das Smartphone erfolgt, stark bedingt durch das Nutzerverhalten der Eltern, mit Schülern, deren sinnliche Erfahrungen oft weitgehend auf das Bildschirm-Wischen reduziert ist, und die dadurch der Natur entfremdet und früh auf den Konsum konditioniert werden. Das alles führt zu negativen Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung, das wissen wir gesichert aus der Neurobiologie. Die schulische Nutzung digitaler Medien vor dem 12. Lebensjahr gleicht diese Defizite nicht aus, sondern verstärkt sie. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass digitale Medien im Unterricht, wenn sie nicht gezielt als Hilfsmittel eingesetzt werden, sondern zu Hauptmedien werden, das Lernen nicht verbessern, sondern verschlechtern. Diese negative Entwicklung wird sich beschleunigen, wenn nach dem Vorbild der Industrie 4.0 bei der geplanten »Digitalen Bildung« Computer, Software, eine Schulcloud und ihr Algorithmus das Erziehungsgeschehen autonom steuern sollen.

Geschäftsfeld Schule

Auf diese beunruhigenden Befunde haben die Mainstream-Medienpädagogen keine Antwort, die Zusammenhänge werden ausgeklammert. Es wird weiter für eine Digitalisierung getrommelt, als gäbe es diese Ergebnisse nicht …

Eine neue Religion

Betrachten wir die derzeitigen Veränderungen aus einer historischen Perspektive. Jahrhundertelang bestimmte ein allwissender Gott, was der Mensch zu tun hat, weil er unvollkommen, ja sündig sei. Die wissenschaftliche Revolution erforderte eine neue Ideologie, den Humanismus. Der Mensch und seine Erkenntnisse, sein freier Wille, standen im Mittelpunkt. Diese Position der Aufklärung wird nun durch eine neue Dehumanisierung abgelöst. Die Silicon-­Valley-Digitalisten postulieren, wie einst die Kirche: Der Mensch ist unvollkommen, fehlerbehaftet. Sie streben Vollkommenheit durch künstliche Intelligenz an. Logische Konsequenz: Menschliche Arbeit wird von Robotern übernommen…“

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Lesen Sie dazu auch in KONTEXT, Wochenendbeilage der TAZ :

Das trojanische Pferd der Moderne

Von Minh Schredle
Datum: 22.11.2017
Kinder halten es keine halbe Stunde ohne Smartphone aus. Aber in den Schulen heißt es: digitale Technik, so früh wie nur möglich. Davor warnt das Bündnis für humane Bildung und empfiehlt, den Grundschülern lieber ein Musikinstrument in die Hand zu geben. Damit die Gehirne gesund bleiben.

https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/347/das-trojanische-pferd-der-moderne-4731.html